Entwicklungspsychologen warnen: Diese gut gemeinte Gewohnheit vieler Großeltern schwächt Jugendliche dauerhaft

Viele Großeltern kennen dieses Gefühl: Das Enkelkind ruft zum dritten Mal an diesem Nachmittag an – einmal wegen der Matheaufgabe, einmal wegen eines Streits mit der besten Freundin, einmal einfach so, weil es nicht weiß, was es tun soll. Was sich zunächst wie eine tiefe, vertrauensvolle Bindung anfühlt, kann sich mit der Zeit in etwas verwandeln, das beide erschöpft: eine emotionale Abhängigkeit, die weder dem Jugendlichen noch den Großeltern guttut.

Wenn Nähe zur Last wird: Was hinter der Abhängigkeit steckt

Jugendliche, die ständig die Bestätigung oder Anwesenheit ihrer Großeltern suchen, tun das selten aus Bequemlichkeit. Dahinter stecken meist tiefere Ursachen: ein geringes Selbstwertgefühl, Unsicherheit in sozialen Situationen oder – häufiger als man denkt – eine kompensatorische Dynamik, wenn die Eltern emotional weniger verfügbar sind. Großeltern füllen dann eine Lücke, die eigentlich nicht ihre zu füllen wäre.

Die Entwicklungspsychologie spricht in diesem Zusammenhang von emotionaler Abhängigkeit als einem Zustand, in dem eine Person nicht in der Lage ist, mit Unsicherheit oder alltäglichem Stress umzugehen, ohne externe Bestätigung zu suchen. Bei Jugendlichen ist diese Tendenz besonders heikel, weil das Jugendalter genau die Lebensphase ist, in der Autonomie und Identitätsentwicklung im Vordergrund stehen sollten – ein Grundprinzip, das seit den Arbeiten von Erik H. Erikson zur Identitätsentwicklung als gesichert gilt.

Das stille Dilemma der Großeltern

Die meisten Großeltern wollen helfen – das liegt in ihrer Natur. Aber irgendwann kippt dieses Helfen. Du merkst vielleicht, dass du dich nicht mehr auf den Besuch deines Enkels freust, weil du schon ahnst, welche Erwartungen damit verbunden sind. Du fühlst dich schuldig, wenn du nicht sofort antwortest. Du gibst Ratschläge, von denen du weißt, dass der Jugendliche sie nicht wirklich umsetzen wird – er braucht eigentlich nur deine Stimme am Telefon.

Diese Form der emotionalen Belastung entsteht, wenn Menschen dauerhaft für die emotionalen Bedürfnisse anderer verfügbar sind, ohne eigene Grenzen zu setzen. Dass das auch Großeltern betreffen kann, wird gesellschaftlich kaum thematisiert. Dabei zeigt eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, dass Großeltern, die sich bewusst mit ihren Enkeln beschäftigen und dabei ihre eigenen Interessen nicht vernachlässigen, körperlich gesünder und zufriedener sind – und unter Umständen sogar länger leben. Der entscheidende Unterschied liegt also nicht in der Häufigkeit des Kontakts, sondern in der Art, wie dieser Kontakt gestaltet wird.

Was Großeltern konkret tun können – ohne das Vertrauen zu verlieren

Der entscheidende Punkt: Es geht nicht darum, das Enkelkind zurückzuweisen. Es geht darum, die Art der Beziehung zu verändern – weg von der Verfügbarkeit auf Abruf, hin zu einer Beziehung, die dem Jugendlichen tatsächlich hilft, erwachsen zu werden.

Fragen statt Antworten geben

Wenn dein Enkel mit einem Problem kommt, ist der erste Impuls oft, sofort zu helfen oder zu lösen. Wirksamer ist es, mit Gegenfragen zu arbeiten: „Was würdest du tun, wenn ich gerade nicht erreichbar wäre?“ oder „Was glaubst du selbst, was das Richtige wäre?“ Diese scheinbar einfache Umkehrung trainiert die innere Handlungskompetenz des Jugendlichen – ohne dass er sich abgewiesen fühlt.

Verlässlichkeit strukturieren statt Verfügbarkeit maximieren

Anstatt immer erreichbar zu sein, kannst du klare, feste Zeiten etablieren: ein wöchentliches Telefonat, ein gemeinsamer Nachmittag pro Woche. Das gibt dem Jugendlichen Sicherheit – aber eine Sicherheit, die nicht von permanenter Erreichbarkeit abhängt. Die Bindungsforschung zeigt, dass vorhersehbare Verfügbarkeit stabiler wirkt als permanente Verfügbarkeit. Ein Enkel, der weiß, wann er mit seiner Großmutter sprechen kann, lernt zu warten – und lernt damit auch, sich selbst zu beruhigen.

Eigene Grenzen benennen – ohne Erklärungszwang

Viele Großeltern glauben, sie müssen begründen, warum sie gerade nicht können. Das ist nicht nötig – und es sendet oft die falsche Botschaft. Ein einfaches „Ich bin heute nicht verfügbar, aber morgen können wir reden“ reicht. Jugendliche lernen durch Grenzen, nicht trotz ihnen.

Das Gespräch mit den Eltern suchen

Wenn das Muster sich festigt, ist es wichtig, das Thema mit den Eltern des Jugendlichen zu besprechen – nicht als Kritik, sondern als Beobachtung: „Mir fällt auf, dass Leon sich sehr oft bei mir meldet, wenn er unter Druck steht. Habt ihr das auch bemerkt?“ Solche Gespräche können dazu beitragen, dass die Familie gemeinsam eine Strategie entwickelt, statt dass du allein die Last trägst.

Was der Jugendliche dabei lernt

Es klingt kontraintuitiv, aber: Wenn Großeltern weniger verfügbar sind, werden sie für den Jugendlichen oft wertvoller. Die Beziehung gewinnt an Tiefe, weil sie nicht mehr durch Erwartungsdruck belastet ist. Und der Jugendliche beginnt, Vertrauen in sich selbst zu entwickeln – das wertvollste Geschenk, das eine Großeltern-Enkel-Beziehung bieten kann.

Selbstwirksamkeit – das Gefühl, aus eigener Kraft handeln zu können – gilt seit den grundlegenden Arbeiten des Psychologen Albert Bandura zur Selbstwirksamkeit als einer der stärksten Schutzfaktoren für die psychische Gesundheit im Jugendalter. Großeltern, die ihren Enkeln erlauben, Fehler zu machen und eigene Entscheidungen zu treffen, tun mehr für deren Zukunft als solche, die immer sofort zur Stelle sind.

Die Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln ist etwas Besonderes – wenn sie bewusst gepflegt wird. Befragungen zeigen, dass eine deutliche Mehrheit der Deutschen dieser Beziehung auch über die Kindheit hinaus große Bedeutung beimisst. Aber genau das ist der Punkt: Bedeutung entsteht nicht durch ständige Präsenz, sondern durch Qualität. Nicht durch mehr Geben, sondern durch klügeres Geben. Du kannst deinem Enkel am meisten helfen, indem du ihm zeigst, dass er auch ohne dich klarkommt – und dass du trotzdem immer für ihn da bist, wenn es wirklich zählt.

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